Johannes Wesling Klinikum Minden // 1. Platz

1. Platz // Das Hauptbehandlerkonzept

Das Projekt

Das Hauptbehandlerkonzept wurde in der Klinik für Allgemeinchirurgie, Viszeral-, Thorax- & Endokrine Chirurgie des Johannes Wesling Klinikums Minden, Universitätsklinikum der Ruhruniversität, entwickelt und implementiert. Kern der Idee ist, dass das „Arzt-Patienten-Verhältnis“ und nicht die Prozesse im Zentrum der Medizin stehen. Damit rückt der Patient als Mensch in den Mittelpunkt, um den herum die Prozesse organisiert werden.

Ausgangslage

Hauptbehandlerkonzept – Klassisches Konzept
Klassisches Stationskonzept

In der Vergangenheit war es üblich, dass ein Oberarzt für eine von mehreren Stationen zuständig war. Das „klassische Konzept“ sieht die Funktion eines Stationsoberarztes vor, der ein Team von je drei Assistenzärzten leitet. Bei einer 95-prozentigen durchschnittlichen Auslastung der Stationen in der Klinik für Allgemeinchirurgie, Viszeral-, Thorax- & Endokrine Chirurgie war es nicht möglich, dass ein Oberarzt nur Patienten seiner Station operierte bzw. behandelte. Die Patienten lagen dort, wo Platz auf einer Station war. Dadurch hatten sue wechselnde Ansprechpartner, fühlten sich häufig als „Nummer“ und uninformiert bzw. widersprüchlich informiert, obwohl alle Ärzte engagiert tätig waren.

Ziele

Mit dem Hauptbehandlerkonzept soll sich auf das „Arzt-Patienten-Verhältnis“ als Kern der Medizin zurückbesonnen werden. Dazu muss zu jedem Zeitpunkt in einer Krankenbehandlung klar sein, wer aktuell der hauptbehandelnde Arzt ist. Da das klassische Stationskonzept darauf nicht ausgelegt ist, muss dieses neu gedacht werden.

Umsetzung

Hauptbehandlerkonzept Grafik
Das Hauptbehandlerkonzept

Die Funktion „Stationsoberarzt“ wurde abgeschafft. Jeder Oberarzt ist seitdem nur für die Gruppe von Patienten „Hauptbehandler“, die er selbst operierte oder verantwortlich assistiert. Nicht operierte konservativ behandelte Patienten werden danach zugeordnet, welcher Oberarzt bei Aufnahme dieser Patienten Bereitschaftsdienst hat.

Für all diese Patienten ist nun der Oberarzt als „Kümmerer“ während der gesamten Behandlung zuständig. Damit hat jeder Patient unabhängig von seinem Aufenthaltsort in der Klinik durchgehend einen eindeutigen „Hauptbehandler“ als seinen Ansprechpartner. Die Informationsverluste bei Kerninformationen und Behandlungsstrategien durch wechselnde Verantwortlichkeiten der Oberärzte bei Wechsel des Aufenthaltsortes eines Patienten sind nicht mehr existent. Hauptbehandler werden nur die Oberärzte und der Chefarzt der Klinik mit entsprechender Entscheidungskompetenz in dem individuellen Arzt-Patienten-Verhältnis.Bei geplanter Abwesenheit werden die einzelnen Patienten im Rahmen einer Übergabevisite an einen anderen „Hauptbehandler“ übergeben.

Die Stationen einschließlich des assistenzärztlichen Teams werden nun von erfahrenen Assistenzärzten als Stationsarzt geleitet. Die Routineabläufe auf der Station werden von dem verantwortlichen Stationsarzt gesteuert, in die sich der „Hauptbehandler“ nur nach Rücksprache mit dem Stationsarztteam einschaltet. Damit entsteht eine Position für erfahrene Ärzte der Klinik, die das Funktionieren ihrer Station zu verantworten haben. Schlüsselentscheidungen stimmen sie mit dem zuständigen „Hauptbehandler“ bei den einzelnen Patienten ab.

Ergebnisse

Nach einem Jahr hat sich das Konzept bereits fest etabliert: Jeder Patient hat einen ihm zugeordneten Oberarzt oder den Chefarzt als Hauptbehandler, wodurch die Verantwortlichkeiten klar geordnet sind. Das Hauptbehandlerkonzept wird von allen Ärzten der Klinik und von der Pflege getragen und befürwortet. Durch die Schnittstellenreduktion werden Übergabeverluste minimiert. Für die Patienten hat das Hauptbehandlerkonzept den Vorteil, dass sie einen klaren Ansprechpartner und erkennbaren Leiter ihrer Behandlung sowie einen Begleiter in ihrer Erkrankung haben. Die Ärzte können sich hingegen in ihrem Beruf entfalten und tragen einen hohen Grad an Verantwortung für ihre Patienten. Insgesamt sind die Patientenbeschwerden in der Klinik für Allgemeinchirurgie, Viszeral-, Thorax- & Endokrine Chirurgie des Johannes Wesling Klinikums Minden rückläufig und die Qualität der Versorgung hat sich verbessert.

3 Fragen an… Prof. Dr. med. Berthold Gerdes

1. Wie haben die Ärzte und Pflegekräfte das neue Konzept angenommen?
Das Konzept wurde seitens der Oberärzte gemeinsam mit dem Chefarzt entwickelt und fand insgesamt eine gute Akzeptanz sowohl bei den Ärzten der gesamten Abteilung als auch beim Pflegepersonal. Grund hierfür war, dass der „Operateur“ und der „zuständige Oberarzt“ nun eine Person waren und damit ein eindeutiger Entscheidungsträger für beide Berufsgruppen – für die Stationsärzte und die Schwestern – für jeden Patienten existierte. Erfolgsschlüssel war die frühzetige Einbindung der Betroffenen.

2. Ist das Hauptbehandlerkonzept immer realisierbar?
Durch Spezialsprechstunden der Hauptbehandler kommt es schon im Vorfeld automatisch zu einer guten „Bahnung“. Außerdem gibt es klar definierte Regelungen zur Notfallaufnahme und Urlaubsübergabe mit Übergabevisiten. Wir pflegen in unserer Klinik das Prinzip „Spezialisierung mit Blick über den Tellerrand“. Damit ist das Hauptbehandlerprinzip unter Wahrung der Spezialisierung der Oberärzte nahezu immer zu gewährleisten und Patientenübergaben sind nur im Ausnahmefall erforderlich.

3. Was glauben Sie: Warum ist das Konzept noch nicht Alltag in deutschen Kliniken?
Bei früher niedrigerem Belegungsdruck war das „Stationsoberarztsystem“ mit umfassender ärztlicher Verantwortung für die Patienten funktionsfähig. Die aktuell hohe Stationsauslastung erfordert neue, intelligente Lösungen, damit der Operateur auch „Arzt des Patienten“ bleibt. Unter geeigneten digitalen Voraussetzungen sind die Vorteile für alle Beteiligten so erheblich, dass bei Existenz guter Vorbilder das Konzept – den lokalen Gegebenheiten angepasst – sehr schnelle Verbreitung finden wird.

Das Team

Dr. med. Jerzy Tomasz Laniewski
Dr. med. Jerzy Tomasz Laniewski
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Dr. med. Daniel Zeyse
Dr. med. Daniel Zeyse
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Prof. Dr. med. Berthold Gerdes
Prof. Dr. med. Berthold Gerdes
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Weiterführende Links

Website der Klinik für Allgemeinchirurgie, Viszeral-, Thorax- und Endokrine Chirurgie des Johannes Wesling Klinikums Minden