Foto UKSH Klinik für Chirurgie

FamSurg – ein Projekt zur Förderung von Frauen und familienfreundlichen Strukturen in der Chirurgie

Das Projekt

FamSurg Grafik
FamSurg steht für „Family and Surgery“ und „Female Surgeon“. Es handelt sich um ein im Jahre 2014 abgeschlossenes Projekt mit dreijähriger Laufzeit, das die Aufgabe hatte, Maßnahmen zur Karriereentwicklung von Chirurginnen und zur Etablierung von familienfreundlichen Strukturen zu erarbeiteten. Die Arbeit wird seit Ende des Projekts in dem Verbundvorhaben „Transfermaßnahmen zur gendergerechten Karriereförderung von Frauen in der Medizin – TransferGenderMed“ weitergeführt.

Ausgangslage

Fast zwei Drittel der Medizinstudierenden sind weiblich. Frauen entscheiden sich jedoch weniger häufig für die Chirurgie. Ein entscheidender Faktor ist dabei die oft als unmöglich wahrgenommene Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Chirurgische Alltag ist geprägt durch Notfälle, unstrukturierte Abläufe und Weiterbildung, langen Arbeitszeiten, Bereitschaftsdienste und Schichtdiensten auf Intensivstation. Die Gründung einer Familie bei gleichzeitiger Karriere in der Chirurgie fordert daher nahezu perfekte Organisationskompetenz und Zeitmanagement. Diese Hürde ist hoch, weshalb der Frauenanteil in der noch immer sehr gering ausfällt. Die Folge ist ein Nachwuchsmangel, der langfristig zu einer Unterversorgung führen kann.

Ziele

FamSurg hat zum Ziel, den Anteil der Chirurginnen in den Kliniken zu steigern. Dazu müssen ein ganzheitlicher Ansatz zur Karriereförderung von Chirurginnen entwickelt und familienfreundliche Strukturen in der Chirurgie etabliert werden.

Umsetzung

Im ersten Jahr des dreijährigen Projekts wurde zunächst die Ist-Situation in den Kliniken und beim chirurgischen Nachwuchs analysiert. Im Anschluss konnten Maßnahmen entwickelt werden, die sich an den zuvor ermittelten Bedarfen orientieren. Dabei entstand ein Mix aus bereits in der Praxis erprobten Maßnahmen und gänzlich neuen Ansätzen. Das zweite und dritte Projektjahr wurde dann für die konkrete Umsetzung verschiedener Maßnahmen genutzt.

Bei der Entwicklung entsprechender Maßnahmen konzentrierte man sich auf die Bereiche Karriereentwicklung, fachärztliche Weiterbildung, Arbeitszeitmodelle und Kinderbetreuung / Schwangerschaft.
Folie FamSurg Maßnahmen
Das FamSurg-Karriereentwicklungs-Programm für (angehende) Chirurginnen dient der expliziten Chirurgie-Entwicklungsberatung und enthält Elemente der Persönlichkeits- und Netzwerkbildung. Jeder Teilnehmerin wird eine speziell auf ihre Karrierevorstellung und Lebensplanung abgestimmte Ansprechpartner/in vermittelt. Darüber hinaus werden über den „FamSurg-Preis“ Vorbilder aufgezeigt, die als Rollenmodelle wahrgenommen werden.

Im Bereich der fachärztlichen Weiterbildung setzt das FamSurg-Team auf strukturierte, klinikinterne Weitebildungs-Curricula sowie eine IT-gestützte Weiterbildungs-Dokumentation und Rotationsplanung. Damit soll ein hohes Maß an Planungssicherheit gewährleistet werden. Eine rechtzeitige/verbindliche OP-Planung sowie das Absolvieren von OP-Teilabschnitten tragen ebenfalls zu einer verbesserten Strukturierung bei.

Bei den Arbeitszeitmodellen soll eine möglichst große Flexibilität erreicht werden. Mit individuell abgestimmten (vollzeitnahen) Teilzeitmodellen und einer kreativen Lösungsfindung konnte dieses Ziel errreicht werden. Daneben legt das FamSurg-Team Wert auf eine rechtzeitige und langfristige Dienst- und Urlaubsplanung. Das Dienstmodell der Klinik für Allgemeine Chirurgie, UKSH, Campus Lübeck, wurde zudem an die Bedürfnissen der Klinik und der MitarbeiterInnen angepasst:

  • Diensthabende beginnen den Dienst um 14 Uhr
  • Abschaffung der 24 Std.-Dienste
  • Verringerung der Dienstmannschaft auf zwei Anwesende und eine Rufbereitschaft, daher weniger Anwesenheitsdienste

In Hinblick auf Kinderbetreuung sorgte man für ausreichend Plätze in der Betriebs-KiTa, welche die Arbeitszeiten der Eltern besser berücksichtigt als normale Kindertagesstätten. Mit Notfallbetreuung, Ferienbetreuung, einer Babysitter-Börse und der Hilfe von Kinderbetreuungsagenturen bspw. bei internen Fortbildungsveranstaltungen wurden darüber hinaus notwendige Komplementärangebote geschaffen. Für den Fall einer Schwangerschaft während der Weiterbildungszeit wurde ein Schwangerschaftsleitfaden erstellt und die Möglichkeit gegeben, auch während der Schwangerschaft OPs durchzuführen.

Ergebnisse

Die entwickelten und eingeführten Maßnahmen tragen zu einer besseren Work-Life-Balance bei. Allerdings zeigte sich, dass es für die erfolgreiche Umsetzung einiger Vorausssetzungen bedarf:
Die Einführung der Maßnahmen muss von einzelnen Kliniken – aus dem „Inneren“ heraus – vorangetrieben werden. Nur so ist die notwendige Nähe zum Arbeitsalltag bzw. der Realität gegeben. Ein schablonenhaftes Überstülpen von außen ist nicht möglich. Zudem braucht es eine enge Kooperation mit der Verwaltung. Unternehmen, Klinik und Wissenschaft arbeiten zusammen und finden auf diesem Wege gemeinsame, zeitnahe und realistische Lösungen. So lassen sich Ablauf- und Änderungsprozesse optimieren und Maßnahmen an die individuell anpassen.

3 Fragen an… Sarah Prediger

1. Welche Herausforderung gab es bei der Implementierung der entwickelten Maßnahmen?
Zu den größten Herausforderungen zählen neben Alltagsdynamiken und reproduzierten, starren Strukturen, der zeitliche, personelle und finanzielle Ressourcenmangel. Bei der Einführung von Softwarelösungen zur Weiterbildungsdokumentation und Rotationsplanung zeigte sich bspw. der Mangel an zeitlichen Ressourcen zusammen mit der häufig mangelnden Akzeptanz und Vorbehalten gegen IT-Maßnahmen als Herausforderung. Herausfordernd ist auch die Realisierung der grundsätzlich notwendigen Rahmenbedingungen, wie bspw. das Angebot ausreichender Kinderbetreuungsplätze auch für die ärztlichen Mitarbeiter*innen. Wichtig ist dabei die transparente Kommunikation in der Klinik und mit der Verwaltung.

2. Welches Feedback gab es von Seiten der männlichen Kollegen?
Das Feedback war grundsätzlich positiv. Einzelne Bedenken gab es bezüglich einer einseitigen Förderung bzw. Bevorzugung von Frauen im Sinne der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es wurden auch Sicherheitsbedenken bzgl. des Operierens während der Schwangerschaft geäußert. Teilweise waren es unreflektierte gedankliche Barrieren, die sowohl auf männlicher wie auch auf weiblicher Ebene zu finden waren.

3. Wie bewerten Sie das Potenzial, FamSurg auf andere Fächer zu übertragen?
Die Probleme in anderen medizinischen Fachbereichen sind meist die gleichen, so dass die Ansätze im Wesentlichen, adaptiert, übertragbar sind. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Folgeprojektes TransferGenderMed haben wir als Lübecker Teilprojekt die Lösungsansätze von FamSurg in Pilotkliniken vorgestellt. Darunter war auch eine urologische Klinik, die Ansätze übernommen und für Ihr Fach weiterentwickelt hat. Wichtig ist dabei Offenheit gegenüber Veränderungen und die Bereitschaft umzudenken.

Das Team

Dr. med. Stefanie Schierholz
Dr. med. Stefanie Schierholz
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Prof. Dr. med. Tobias Keck
Prof. Dr. med. Tobias Keck
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Wiebke Zweig
Wiebke Zweig
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Sarah Prediger
Sarah Prediger
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Weiterführende Links

Webseite von FamSurg
Webseite von TransferGenderMed
Webseite der Klinik für Allgemeine Chirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein