Luftbild Vitos Klinik Eichberg

3. Platz // Das Eichberger Modell – Klinische Pharmazeutin im Klinikteam für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit

«Wir freuen uns sehr, dass wir mit unserem Eichberger Modell den 3. Platz des Innovationspreises 2016 erreicht haben. Es wäre schön, wenn dies dazu beitragen könnte, dass auch andere Kliniken das Modell übernehmen und damit die Arzneimitteltherapiesicherheit für Patienten flächendeckend optimiert werden würde.» Prof. Dr. med. Sibylle C. Roll

Das Projekt

Mit dem „Eichberger Modell“ soll für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit durch die Mitarbeit einer klinischen Pharmazeutin im Klinikteam gesorgt werden. Das durch Frau Prof. Dr. Hahn und Frau Prof. Dr. Roll entwickelte Konzept kommt bereits seit 2011 in der Vitos Klinik Eichberg zum Einsatz. Von Beginn an wurde das Modell wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

Ausgangslage

Aufgrund der Vielzahl an möglichen Wechselwirkungen ist eine Arzneimitteltherapie immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Die Recherche in Bezug auf Verträglichkeiten und Wechselwirkungen von Medikamenten ist für Ärzte allerdings sehr zeitaufwendig. Gerade in psychiatrischen Kliniken wie der Vitos Klinik Eichberg kann der therapeutische Fortschritt durch mögliche Arzneimittelnebenwirkungen oder Diskussionen über Medikamente blockiert werden. Zudem führen Gespräche über die Arzneimitteltherapie zu Zeitverlusten in den Einzelgesprächen mit den Patienten. Das erschwert die Bedingungen für die Bildung einer vertrauensvollen Patient-Psychiater-Beziehung.

Ziele

Das Eichberger Modell soll mehr Arzneimitteltherapiesicherheit für Patienten, Ärzte und Pflegekräfte schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen wird auf interdisziplinäre Zusammenarbeit gesetzt.

Umsetzung

Grafik Eichberger Modell – Implementierung
Seit August 2011 ist eine klinische Pharmazeutin in der psychiatrischen Klinik Vitos Klinik Eichberg angestellt. Die Einführung erfolgte stufenweise über 9 Monate, sodass sie nach und nach immer mehr Aufgaben übernahm. Mittlerweile ist sie fester Bestandteil des Klinikalltags.

Bereits bei der Aufnahme der Patienten führt die klinische Pharmazeutin einen Arzneimittelinteraktionscheck durch. Des Weiteren begleitet sie die Visiten um Arzneimittelnebenwirkung anhand der Laborparameter, EKG und Patientenberichte zu überwachen. Jede unerwünschte Arzneimittelwirkung wird zur Verbesserung der Arzneimittelsicherheit gemeldet. Die klinische Pharmazeutin berät darüber hinaus Patienten zur Arzneimitteltherapie und spürt arzneimittelbezogene Probleme auf. Durch diese Einzelgespräche steht mehr Zeit für psychotherapeutische Inhalte im Gespräch mit dem behandelnden Psychiater zur Verfügung. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Arbeit der klinische Pharmazeutin ist die Bearbeitung von Anfragen (Literaturrecherche, Interaktionsanfragen, Nebenwirkungsanfragen u.v.m.) zur Arzneimitteltherapie durch die behandeldenden Psychiater. Zusätzlich entwickelt die klinische Pharmazeutin eine standardisierte Dokumentation (elektronisch) für die pharmazeutische Beratung zur Integration in das Krankenhausinformationssystem.

Klinische Pharmazeutin mit PatientHierdurch ergeben sich zahlreiche positive Effekte für die Patienten. Durch „Shared decision making“ bei der Verordnung von Medikamenten erhöht sich die Patientenzufriedenheit, da sie an der Therapieentscheidung aktiv beteiligt werden. Gleichzeitig verringern sich Nocebo-Effekte, sodass eine bessere Verträglichkeit der Medikation und damit eine Verminderung der Morbidität erreicht wird. Mit der Entkopplung der Arzneimitteltherapie von der Patient-Psychiater-Beziehung werden die Bedingungen zur vertrauensvollen Bildung der Patient-Psychiater-Beziehung optimiert. Durch die Teilnahme an Psychoedukationsgruppen zur Medikation verbessert sich zusätzlich die Medikamenten-Adhärenz.

Auch die Pflegekräfte und Ärzte profitieren. Durch von der Pharmaindustrie unabhängige Schulungen zur Arzneimitteltherapie im eigenen Haus werden das Fachwissen der Ärzte und Pflegekräfte erweitert und Ressourcen eingespart. Die Zeitersparnis durch Abgabe von Recherchearbeit zur Arzneimitteltherapie erhöht die Arbeitszufriedenheit. Durch die Arbeit der klinischen Pharmazeutin wird der therapeutische Fortschritt nicht mehr durch mögliche Arzneimittelnebenwirkungen oder Diskussionen über Medikamente blockiert. Nicht zu letzt lässt sich so die Verantwortung der Arzneimitteltherapie auf mehreren Schultern verteilen, was zu einer emotionalen Entlastung der Beteiligten führt.

Ergebnisse

Grafik Eichberger Modell
Eine klinische Pharmazeutin in einer psychiatrischen Klinik kann dabei helfen, Arzneimittelinteraktionen zu vermeiden und damit letztendlich die Morbidität und Mortalität der Patienten senken. Wie die Erfahrung der letzten 5 Jahre zeigt, kann dies ohne finanzielle Einbußen geschehen. Die von der klinischen Pharmazeutin vorgeschlagenen Interventionen zur Änderung der Pharmakotherapie wurden zu 100% akzeptiert, 98,6% der Patienten haben diese Änderung auch nach 2 Wochen noch beibehalten. Auch das Beratungs- und Gruppenangebot (Psychoedukation Mediaktion) der klinischen Pharmazeutin nehmen Patienten gerne wahr. Insbesondere die Ärzte empfinden es als sehr hilfreich, dass sich die Patienten bei einer „neutralen“ Person mit gutem Spezialwissen zu Psychopharmaka über die Arzneimitteltherapie informieren können. Dadurch konnte sich eine gemeinsame Verantwortung in der Patientenversorgung entwickeln.

Das Eichberger Modell setzt sich zudem dafür ein, dass angehende Pharmazeuten einen Teil des Studiums oder des Praktikums in der Klinik absolvieren können, um mehr Apotheker zu klinischen Pharmazeuten auszubilden. Es wurden daher Kooperationen mit mehreren Universitäten (Universität Frankfurt, Marburg, Tübingen, University of Florida) geschlossen.

3 Fragen an… Prof. Dr. med. Sibylle C. Roll

1. Gab es Barrieren bei der Implementierung?
Bei der Implementierung gab es verschiedene Hürden, die genommen werden mussten: Die Finanzierung einer klinischen Pharmazeutin ist in der Psych-PV nicht vorgesehen. Daher wurde seitens der Klinikdirektorin ein Finanzierungskonzept erarbeitet, welchem sowohl Geschäftsführer als auch der Betriebsrat zustimmten. Einige Ärzte hatten Bedenken, die Verantwortung mit einer klinischen Pharmazeutin zu teilen. Diese konnten jedoch nach Implementierung schnell ausgeräumt werden.

2. Wie bewerten Sie die Übertragbarkeit des Modells auf andere Fächer?
Übertragen ließe sich dieses Modell auf jeden medizinischen Fachbereich und jede Klinik. Analog den Hygienebeauftragten könnte es ebenso einen klinischen Pharmazeuten zur Optimierung der Arzneimitteltherapiesicherheit in jeder Klinik geben. Viele Studien zeigen, dass neben Infektionen auch Interaktionen ein hohes Risiko für die Patienten darstellen. Es erscheint daher nur konsequent, neben den Infektionsrisiken auch die Arzneimittelrisiken systematisch zu untersuchen und zu minimieren.

3. Was glauben Sie, warum ist das Modell noch nicht Alltag in anderen Kliniken?
Häufig ist die Finanzierung ein Problem. Meist erkennen die Verwaltungen der Kliniken nicht den Nutzen und das Einsparpotenzial. Viele Ärzte wünschen sich eine pharmazeutische Unterstützung, insbesondere bei Polypharmazie. Es gilt also die Verwaltungen davon zu überzeugen, dass die Anstellung einer Pharmazeutin durch die damit verbundene Entlastung der Ärzte durchaus kosteneffizient ist, und auch die Patientenzufriedenheit sowie die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöht werden können.

Das Team

Prof. Dr. med. Sibylle C. Roll
Prof. Dr. med. Sibylle C. Roll
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Prof. Dr. rer. physiol. Martina Hahn
Prof. Dr. rer. physiol. Martina Hahn
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Weiterführende Links

Das Eichberger Modell auf der Website der Vitos Klinik Eichberg